Wie viele Libra kostet wohl ein Kaffee? Alles zu Facebooks neuer Internetwährung

Reto Vogt Reto Vogt on 29. Juni 2019 12:03:00 MESZ

Nächstes Jahr will Facebook seine eigene Währung lancieren: Libra Sie soll dem Unternehmen noch mehr Umsatz bescheren, bis zu 19 Milliarden.

 

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Quelle: Pixabay/Gerd Altmann

Seit rund zehn Jahren habe ich ein Facebook-Konto. Optisch hat sich das Soziale Netzwerk in dieser für «Internetverhältnisse» enorm langen Zeit erstaunlicherweise nur sehr wenig verändert. Dafür inhaltlich umso mehr: Während anfangs nur belanglose Alltagstexte- und bilder dominierten, treffe ich zumindest in meinem Feed immer häufiger auf gesellschaftlich relevante Diskussionen oder kuratierte Links zu lesenswerten Artikeln, die ich sonst nicht gefunden hätte.

Doch es gibt auch Schattenseiten. Versuchte Einflussnahme auf demokratische Wahlen, oder Bilder und Videos, die weit über das Erträgliche hinausgehen, gibts öfter, als uns Nutzer*innen lieb sein dürfte. Viele davon kommen allerdings gar nie an die Öffentlichkeit: Gegenüber dem Tech-Magazin «The Verge» haben kürzlich erstmals drei Moderatoren Auskunft darüber gegeben, über welche Art von Inhalten sie tagtäglich richten müssen. Wo ist die Grenze, entspricht das und jenes noch den Richtlinien von Facebook oder sprengt es diese bereits?

Die negative Entwicklung überrascht gemessen an der Marktmacht von Facebook nicht. Ebenso wenig verwunderlich ist ausserdem Facebooks Ankündigung, eine eigene digitale Währung lancieren zu wollen: Libra. Es ist nicht nur die grosse Nutzerbasis des Konzerns, die der neuen digitalen Währung (es ist keine Kryptowährung im klassischen Sinn) gute Marktchancen einräumt. Auch die Libra Association, ein gleichberechtigtes Gründerkonsortium mit Sitz in Genf und Mitgliedern wie Mastercard, Visa, Paypal, Uber oder Spotify – die Facebooks Einfluss auf die Währung senkt –, klingt erstmal vielversprechend.

Doch wie will Facebook Datenschutzbedenken von Politiker*innen und vor allem User*innen zerstreuen? Die Antwort: Nebst der Auslagerung der Währung in die erwähnte Association, führt der Konzern «Calibra», so heisst das virtuelle Portemonnaie der Währung, als eigene Unternehmenseinheit (und öffnet den Zugang für Dritte). Ob das genügt, um Libra Tatsache werden zu lassen? Das ist offen, die Kritik ist laut. Doch ich würde darauf wetten, dass bald auch bei Facebook Realität wird, was bei der chinesischen Konkurrenz «WeChat» schon seit fünf Jahren möglich ist: Zahlungen von Kleinstbeträgen via Messenger.

Und noch viel mehr: Facebook könnte Zahlungen für Marketingaktivitäten auf der Plattform nur noch in Libra akzeptieren, Käufe über den eigenen Marktplatz nur noch in dieser Währung abwickeln, Instagram-Influencer*innen ihren Produkte ein Libra-Preisschild anhängen und direkt verkaufen – immer mit Provision an den Mutterkonzern, selbstredend. Schon im Jahr 2021, so die Schätzung der Barclays-Bank, könne Facebook dank Libra zusätzliche 19 Milliarden Dollar Umsatz machen.

Geplant ist der Libra-Start laut Facebook in der ersten Hälfte 2020. Kommt es dazu? Die Währungshüter*innen sind sich uneins: Während Maxine Waters, Vorsitzende des Finanzausschusses im US-Repräsentantenhaus, Facebook aufforderte, die Libra-Pläne vorerst auf Eis zu legen, sagte der Chef der Schweizer Nationalbank Thomas Moser: «Das Whitepaper zu dem Projekt sieht professionell aus».

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Topics: Digitale Kommunikation, Internet