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Der Team-Turbo Slack ist 20 Milliarden wert – zu Recht?

Slack ist an der Börse. Peter Hogenkamp schreibt, was das für die Collaboration-Software bedeutet.

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Es war an einem frühen Sonntagmorgen vor bald fünf Jahren, dem 16. November 2015 um 7.34 Uhr.Ich hatte eine Grafik über das rasante Wachstum des Kommunikations-Tools «Slack» gesehen, was jedes Unternehmerherz höher schlagen lässt. Slack war gut eineinhalb Jahre nach dem offiziellen Launch auf rund 280'000 tägliche User gewachsen – so sah das damals aus:

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Quelle: www.hbs.edu

Wenn das so viele nutzen, kann es ja nicht schlecht sein, dachte ich, probieren wir es also mal aus für unser kleines, damals verteilt auf Lugano, Zürich und Stockholm arbeitendes Team. Ich registrierte uns bei Slack, die Bestätigung kam wie gesagt um 7.34 Uhr am Sonntagmorgen, und schickte meinen Kollegen (damals noch alles Männer) eine Einladung.

Schnellstmögliche Adaption einer Software überhaupt

Vielleicht ist es etwas hoch gegriffen, diesen Prozess eine «Software-Einführung» zu nennen, aber die Tatsache bleibt: In meinem gesamten IT-Leben, das bis in die frühen Neunzigerjahre zurückreicht, habe ich nie zuvor oder danach eine so schnelle und umfassende Adaption erlebt: Ohne jede Begleitkommunikation, Aufmunterung oder Ermahnung meinerseits waren ab Montagmorgen einfach alle dabei. Auf einen Schlag hatten wir nicht nur die zuvor diversen Kanäle für die interne Kommunikation (E-Mail, SMS, WhatsApp, Skype-Chat etc.) buchstäblich über Nacht ersetzt, sondern es wurde auch von einer Minute zur anderen keine einzige interne Mail mehr verschickt.

Warum erzähle ich das ausgerechnet heute? Vorgestern ist Slack an die Börse gegangen, mit einem recht fulminanten StartDas 2014 phänomenal erscheinende Wachstum (die Firmengeschichte in Kürze) ging weiter und weiter; inzwischen sind es zehn Millionen aktive User pro Tag, und die Grafik vom Anfang würde auf der aktuellen Skala wie ein Rundungsfehler wirken: 

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Quelle: Slackhq.com

Und wie verdient Slack sein Geld? Natürlich mit einem «Freemium»-Preismodell, also gratis für Einsteiger, aber irgendwann soll man zahlen. Nun gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie diese Übergänge nicht funktionieren und die User entweder ewig in der Free-Version bleiben und Nachteile in Kauf nehmen – oder die Sollbruchstelle Zahlungspflicht nutzen, um gleich ganz abzuwandern.

Nur letzte 10'000 Nachrichten sind kostenlos

Die Slack-Erfinder haben sich eine ausnehmend kluge Mechanik ausgedacht: «Slack speichert alle deine Nachrichten, aber beim kostenlosen Plan kannst du nur die letzten 10.000 Nachrichten sehen und durchsuchen.» Am Anfang ist also alles gratis, aber wenn einmal alle voll dabei sind, werden die älteren Nachrichten ausgeblendet, was man in einem Firmenkontext natürlich nicht gebrauchen kann. So können kleine Hobbyteams Slack gratis nutzen, aber die anderen müssen bald mal die Kreditkarte zücken, was auch wir recht schnell gemacht haben. (Noch zwei Statistiken: 95'000 Firmen zahlen, war zum Börsengang zu lesen. Und unser kleines Team hat von November 2014 bis gestern Abend satte 298'417 Slack-Nachrichten versandt – würden wir uns weigern zu zahlen, wären davon also 96% verschwunden.)

Weil die schnelle Adaption mich so nachhaltig fasziniert hatte und ich Slack bis heute für einen agilen «Team-Turbo» für jedes Change-Projekt halte, habe ich Mitte 2016 für das deutsche Medienmagazin Kress Pro eine Kolumne darüber geschrieben, siehe hier das hübsche Original-PDF. Damals habe ich siebeneinhalb Punkte aufgezählt, von denen die meisten immer noch aktuell sind, nur bei einem lag ich sehr daneben: 

Ich hatte mich über Microsoft lustig gemacht, die damals überlegt hatten, Slack zu kaufen, aber es dann doch lieber nachbauen wollten. Ich war überzeugt, die bekommen nie einen gescheiten Slack-Konkurrenten hin, sondern wenn, dann ist es eher Facebook. Beides falsch, wobei ich bekanntlich nicht der einzige bin, der das fulminante Comeback von Microsoft nicht erwartete. Sie haben ihr Tool inzwischen «Microsoft Teams» genannt und bundlen es gratis mit Office (schlecht für Slack, denn niemand zahlt gern doppelt; andererseits nutzt auch bei weitem nicht mehr jede Firma MS Office), und nach allem, was man hört und sieht, funktioniert es recht gut und ist auch erfolgreich.

Slack als «Informationssystem» in Unternehmen 

Nun ist Slack also an der Börse und zunächst mal 20 Milliarden wert, eine tolle Geschichte. Manche sagen, das sei zu viel, zumal das Wachstum abflacht, Microsoft und andere wie gesehen Druck machen; andere finden, die ganze Firmen-Messenger-Kategorie sei überbewertet, zumal sie E-Mail nicht wirklich ersetze und auch gewichtige Nachteile habe, insbesondere dass es die Leute konstant von der Arbeit abhalte und einfach diverse weitere Kanäle mit ungelesenen Nachrichten hinzufüge. Alles generell richtig, aber eben nur die halbe Wahrheit, denn man müsste die Produktivitätsgewinne und -verluste nun mal gegeneinander rechnen – wenn man das könnte.

Vor drei Jahren habe ich Slack-Gründer und CEO Stewart Butterfield live in Austin auf der Bühne gesehen, und was er da sagte, hat mich bis heute beeindruckt. Seine Vision für Slack ist es, dass sich nicht nur Menschen gegenseitig Nachrichten zuschicken, sondern dass die gesamte Maschinerie im Sinne eines Chatbots (seitdem zu einem der Hype-Themen herangewachsen) auch Informationen sucht, die irgendwo in der Firma herumliegen. Er zitiert eine McKinsey-Studie, dass Knowledge-Worker bis zu 20% ihrer Zeit mit «Looking for information» verbringen, und zwar nicht nach komplexen Informationen, sondern nach einfachen Fakten wie etwa aktuellen Umsatzzahlen, die man in einer anderen Software nachschauen muss. Die Vision von Chat als Integrations-Schnittstelle für alle Informationen in einer Firma ist zweifellos faszinierend.

Nun kann man wiederum einerseits sagen: Von diesem grossen Wurf, haben wir, trotz 1500 Slack-Integrationen mit diversen Apps, eher wenig gehört in den letzten drei Jahren. Aber andererseits auch: Wenn Slack das Geld von der Börse nutzt, um hier weiter Gas zu geben, scheint noch sehr vieles möglich. 

Aber selbst wenn vorerst noch Menschen untereinander schreiben: Wer Slack immer noch nicht kennt, für den gilt das gleiche wie 2016: einfach mal in einem beliebigen Team-Kontext ausprobieren, und sei es, um einem der allgegenwärtigen WhatsApp-Gruppenchats zu entkommen.

Tags: Kommunikation, Konzepte und Strategien