Der unerwartete Siegeszug der QR-Codes

Peter Hogenkamp Peter Hogenkamp on 28. Oktober 2019 08:35:46 MEZ

Jahrelang haben wir uns lustig gemacht über QR-Codes, die eh niemand scannt – und plötzlich sind sie überall.

Eigentlich hätte man es wissen können: Die einfache und schnelle «Verlinkung» der physischen Welt in die Internet-Welt wäre doch eine tolle Sache. Oder?

Aber jeder irrt sich mal. So haben wir über QR-Codes (englisch für Quick Response, wörtlich also: schnelle Antwort) wüst gelästert, als sie auf- und scheinbar nie aus den Startlöchern kamen.

2012 hatte jemand einen Tumblr (ein damals lustiges Microblogging-System, inzwischen marginalisiert) aufgesetzt mit dem Titel Pictures of People Scanning QR Codes. Haha, Schenkelklopfer: Nicht einer!

Soll ich einen QR-Code verwenden? Um Himmelswillen!

Und auch dieses Flowchart beschreibt, was die Community davon hielt, durchdrungen vom digitalen Snobismus: «Wir haben das Internet verstanden, alle anderen sind doof», denn QR-Codes galten damals als Versuche Unwissender, digital rüberzukommen. 

Should-I-use-a-QR-code

Natürlich habe auch ich damals mal getestet, wie das geht, so einen Code zu generieren. Tatsächlich sehr einfach, und weil das System lizenzfrei ist, kann man es sogar gratis auf Hunderten von Websites machen. Und weil man neben URLs auch andere Informationen übergeben kann, etwa Telefonnummern, Adressen, Texte, SMS, vCards (digitale Visitenkarten), WLAN-Zugangsdaten oder Geodaten, wäre es, wie gesagt, eigentlich immer schon recht praktisch gewesen. Trotzdem geschah gefühlt ein Jahrzehnt lang: nichts.

Eine wichtige Rolle spielt natürlich wie immer die Convenience, also die Einfachheit. Klar ist eh, dass es für den schon 1994 erfundenen QR-Code im Nokia-Zeitalter mit seinen briefmarkenkleinen Screens noch nichts zu holen gab, denn egal wie smart der Input war, der Output blieb immer lahm. Aber auch nach dem Aufkommen der Smartphones musste man zunächst noch eine spezielle Reader-App installieren. Hatte ich, funktionierte, habe ich sogar manchmal genutzt, aber blieb irgendwie trotzdem lange unpraktisch.

Und plötzlich sind alle Hürden locker zu nehmen

Ein bisschen quer zu unserer Ignoranz lagen seit Jahren die Meldungen aus Asien, wie dort inzwischen immer mehr Zahlungen auch über mobile Codes laufen – aber das haben wir weitgehend ignoriert. In Asien ist ja nun mal vieles anders. 

Doch dann änderten sich auch hier mehrere Dinge parallel: Erstens braucht man inzwischen keine separate Scan-App mehr. Bei Apple kann man seit iOS 11, also seit zwei Jahren (bei Android ist es wie immer komplizierter, die einen waren früher als Apple, andere später) einfach die Kamera draufhalten, und schon geht's los, am oberen Rand wird die vom QR-Code vorgeschlagene Aktion eingeblendet, meist das Öffnen einer Website. Und da wir das Smartphone und die Kamera-App eh den halben Tag offen haben, machte das einen relevanten Unterschied. 

google-wifi-398px

Quelle: androidcentral.com

Zweitens wurde es zum Alltag, dass wir mit unserem Smartphone physische Gegenstände scannen, um uns etwa als zugangsberechtigt zu identifizieren. Kaum ein Setup eines smarten Devices, FritzBox, Google Wifi, WiFi-Kamera etc., bei dem es nicht heisst: «Scannen Sie den Code auf der Rückseite.» Wer daneben die 20-stellige Seriennummer stehen sieht, freut sich, diese nicht mehr abtippen zu müssen. 

Und drittens gibt es natürlich immer mehr interaktive Anwendungen, bei denen wir unser Smartphone in Richtung eines Bildschirms halten, um uns zu identifizieren, etwa beim Einrichten einer Zwei-Faktor-Authentisierung.

An der Kasse per QR-Codes bezahlen

Das Flaggschiff ist hier natürlich TWINT, über das ich gerade bei Wikipedia erfahren habe, was der Name bedeuten soll: «Wortverschmelzung aus ‹twin› für Zwilling, ‹twist› für Dynamik und ‹win› für Erfolg». Sowas kann wohl nur verstehen, wer einige Jahrzehnte für Schweizer Banken und Zahlungsverkehrsanbieter gearbeitet hat. 

twint-blog-qr-code-bild1-terminal-kasse-1-398px

Quelle: TWINT-Website

Egal ob wir finden, TWINT sei super oder superlahm, es ist von Parkuhren bis zu Schweizer Online-Shops präsent, das heisst, man kann an immer mehr Orten zahlen, indem man etwas scannt. Am wichtigsten scheint mir: Auf den an sich altbekannten POS-Zahlungsterminals von SIX & Co. wird jeden Tag hunderttausende Male ein QR-Code generiert, mit dem wir bargeldlos unsere Gipfeli zahlen könnten. Selbst wer unbeeindruckt seine alte «EC»-Karte in den Schlitz steckt, kann nicht umhin, aus den Augenwinkeln zu sehen: Es gäbe da offenbar auch sowas Eckiges. Ich habe es ausprobiert und finde die TWINT-Variante derzeit noch viel zu langsam im Vergleich zum schnellen «Contactless», aber die Botschaft kommt trotzdem an. 

Auch in vielen anderen Bereichen ist zwar nicht über Nacht die Scan-Revolution über uns geschwappt, sondern sie bleibt eher eine QR-evolution. Aber wenn man die Augen offen hält, sind die Codes inzwischen fast überall, auch auf Kommunikationsmitteln, deren Absender eher unverdächtig sind, allzu hip zu sein.

Unendlich viele Anwendungsmöglichkeiten

Die Zürcher Verkehrsbetriebe etwa haben an den Haltestellen eine virtuelle Abfahrtstafel in Echtzeit verlinkt: «Wann fährt mein Bus?»

VBZ_Wann-faehrt-mein-Bus_1500px

Hier der hinterlegte Link meiner Haltestelle vom 32er-Bus; dieser funktioniert jederzeit mit der aktuellen Uhrzeit. Ich hätte mir noch eine etwas coolere Landing Page gewünscht, denn eigentlich ist es nur eine Live-Fahrplanabfrage, aber immerhin. 

Denn QR Codes sind immer dort gut, wo sie individuell sind. Eine generische Kurz-URL wie fahrplan.zvv.ch kann ich auch selbst tippen – dass hier Standort und Richtung mitgegeben werden, macht den Charme der Lösung aus. 

Vielfach läuft es auch noch etwas unrund mit den Codes: Die Umzugsfirma «Perfect Transporte» (Supername!) hat keine URL auf ihren LKW geklebt, sondern ihre digitale Visitenkarte, wie gesagt, auch ein Format, das QR-Codes unterstützen.

QR-Code_Perfect-Transporte_klein

Sogar der Zügelmann aus der Provinz macht auf QR

Lustigerweise ist die im QR-Code hinterlegte Adresse in Hünenberg eine andere als die in der Nachbargemeinde Cham, die rechts daneben im Klartext steht. Aller Anfang ist schwer – vielleicht hat der Lehrling, der QR konnte, seine Lehre inzwischen abgeschlossen.

hotel-löwen_QR_398px

Im Hotel «Löwen» bei Würzburg wünscht man sich, dass ich das nächste Mal direkt buche, ein nachvollziehbarer Wunsch, wobei der Text: «Ihre nächste Buchung nehmen wir gerne per Telefon, E-Mail oder QR-Code entgegen» unfreiwillig komisch daherkommt. Ich verstehe vor allem überhaupt nicht, wie man sich hier die «Customer Journey» vorstellt. Soll ich im Zimmer den nächsten Aufenthalt buchen, oder den Code mit nach Hause nehmen? Sei's drum.

Aber natürlich gibt es auch immer mehr coole Anwendungen. Internet-Vordenker Sascha Lobo aus Berlin hat für sein neues Buch «Realitätsschock» ein «geheimes elftes Kapitel»geschrieben, das er erst einige Wochen nach der Veröffentlichung zugänglich gemacht hat mit einem QR-Code im Buch. Mit diesem aufs Sakko gestickt war er dann in Frankfurt an der Buchmesse, was ihn sicher zu einem vielgescannten Mann machte. 

sascha-lobo_realitätsschock_qr

Quelle:Robert Stolle bei Facebook

Sind wir damit schon am Ende der QR-Fahnenstange? Hoffentlich nicht!

Denn bei den meisten Einsatzvarianten, die wir hier für QR-Codes gesehen haben, sind diese statisch, weil irgendwo draufgedruckt, von Haltestelle bis Rückseite (Lkw, WiFi-Gerät, Sakko).

Das eigentlich tolle wären aber individuelle QR-Codes, und zwar nicht nur im Zahlungsverkehr. Wenn wir schon bei Hotels sind: Könnte man nicht beim Check-in mit der Zimmerkarte einen individuellen Code bekommen, der einen ohne das mühsame Eintippen von Name und Zimmernummer direkt ins WLAN lässt? Oder könnten nicht im Zimmer Codes an der Wand stehen, in die die Zimmernummer eingebettet ist? «Scannen Sie hier für frische Handtücher in Zimmer 2505.»

Und sogar die olle Mappe mit dem Room-Service-Menü, die ja viele Hotels durch erstaunlich schlechte Tablet-Nachfolgelösungen zu ersetzen versuchen, könnte man ein bisschen Prozess-Fantasie, einem Code-Generator und einem Laserdrucker deutlich aufpeppen. 

Ich bin überzeugt, wir werden noch viele tolle Ideen sehen. Auf dass viele Internet-Besserwisser von 2005 zugeben müssen: Das habe ich komplett unterschätzt. 


Du willst mehr davon? Dann abonniere unseren wöchentlichen Newsletter zu digitaler Kommunikation.

Jetzt abonnieren


Leseempfehlungen zum Thema

 

Einer der einfachsten und praktischsten Wege, seinen ersten QR-Code zu erstellen: Der WiFi-Code für Gäste. Auch im Jahr 2019 ist es beim ersten Mal immer noch erstaunlich, wie schnell man damit drin ist.

Der grosse Unterschied zwischen WhatsApp und WeChat ist, dass sich mit Letzterem in China auch bezahlen lässt.

Natürlich, wenn etwas so populär wird und mit Bezahlen zu tun hat, sind leider auch die Betrüger schnell auf dem Plan.

 

Topics: Digitale Kommunikation, Internet