Instagram ist immerhin leiser als Kopfsprung-Videos

Peter Hogenkamp Peter Hogenkamp on 17. August 2019 12:00:00 MESZ

Sommerferienzeit Anfang August. Ein Hotel am Ufer des Gardasees, Steg mit Liegestühlen am See. Wunderschöne Szenerie, heisses Wetter, beste Italianità, wenn auch fest in süddeutscher Hand.

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Mehr Meta geht kaum (Bild: Instagram/boyfriends_of_insta)

Zwei Frauen Anfang 30, eine im weissen Bikini, die andere im schwarzen Badeanzug, sind nebenan. Erkennbares Hauptziel der Reise: Fotos machen. Die eine fotografiert die andere, wie sie im Liegestuhl liegt. Die andere die eine von hinten, wie sie fernhinsinnend auf den See schaut. Beide fotografieren sich nacheinander beim Sprung in den See. Sie geben die Handys einer anderen jungen Frau, die sie beim gemeinsamen Reinspringen fotografiert. Danach stundenlanges Scrollen durch die besten Fotos.

Sucht nach dem schnellen Like ist nichts Neues

Natürlich habe ich geschaut, ob ich die Fotos bei Instagram «in der Nähe des aktuellen Standorts» finde. Leider nichts, ihre Profile sind wohl auf privat gestellt. Nicht vollends überraschend sehen die anderen Fotos in der Nähe recht ähnlich aus.

Selbstverständlich kann man sich über das alles toll mokieren. Herrje, dieses Instagram, diese «Jugend» von heute. Nichts mehr wirklich erleben, sondern nur noch Posieren für den schnellen Like. Die Online-Boulevardpresse ist voll von schlimmen Geschichten, was einem abgelegenen Bergrestaurant oder einer romantischen Blumenwiese passieren kann, wenn der Ort von der richtigen Influencerin besucht wird und dem Instagram-Wahn anheim fällt – natürlich fällt dabei auch immer eine schöne Klickstrecke ab.

Wortwörtlich den Vogel abgeschossen

Nach drei Nächten (Mindestaufenthalt in der Hochsaison) waren die beiden Damen wieder verschwunden und durch andere Gäste ersetzt. Und auch diese posieren gern, wenn auch anders.

«Super Köpfer, Klausi, der beste, den ich je gesehen habe, pass auf, jetzt filme ich dich mal, damit du es auch selbst sehen kannst», hallt es nun quer über den Steg, und: «Schatz, du machst das gaanz toll…  schauen Sie mal, meine Frau!» (die steht mit wackligen Beinen auf dem Stand-up-Paddel-Brett). Der Nächste hat gerade seinen Bachelor gemacht, wir gratulieren, hatte aber während des Studiums offenbar genügend Zeit zum Golfspielen, und ist «besonders stolz darauf», wie er mal in Thailand mit dem Golfball einen Vogel abgeschossen hat. Kein Scherz. Wir flüchten ins Zimmer. 

Posieren ist menschlich

Einige Gedanken fliegen mir zwischen den vielen Geschichten in meinen Liegestuhl zu:

Wir alle posieren. Das haben schon unsere Eltern vor 40 Jahren mit den Urlaubsdias gemacht, damals einfach technisch bedingt mit einigen Wochen Versatz. Heute tun es die einen mit Kopfsprüngen und Videos, die anderen mit Fotos und Badeanzügen, aber im Kern sind die Posen ähnlich.

Ich erinnere mich noch gut, wie mich vor zehn Jahren Twitter voll erwischt hatte und ich mich in meinem einzigen erwachsenen Angestelltenjob bei der NZZ (2010-13) immer wieder rechtfertigen musste, was denn dieses viele Twittern bloss solle (inzwischen posen so gut wie alle Journalisten selbst mit). Und natürlich erinnere ich mich auch noch Jahre später genau an gute Twitter-Erfolge mit vielen Retweets und Likes, wie den beiden Damen sicher auch das meistgelikete Seefoto bleiben wird. Bis heute ist Twitter einfach die Plattform für alle, deren primäre Pose der knackige Text ist.

Die digitale Welt existiert nicht

Die Unterscheidung «offline versus online», die die Debatte unserer ersten 20 Jahre mit diesem Internet geprägt hat, wird zunehmend sinnloser. Klausis Tante stellt das Video vom besten Kopfsprung aller Zeiten zwar vermutlich nicht öffentlich online, «shared» es aber direkt vor Ort und sicher auch via WhatsApp mit den lieben Daheimgebliebenen.

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Perfekt passend erreichte mich dazu im Liegestuhl via Tweet von meinem Ex-Kollegen Florian Steglich das Zitat aus einem Interview (siehe Links) mit dem Techno-DJ Richie Hawtin:

So ist es. Es gibt gar keine digitale Welt, sondern nur unsere Realität an sich, die manchmal digital abgebildet wird.

Nachdem die beiden fotografierenden Frauen schon einige Tage wieder abgereist waren, dachte ich noch einige Male: Man kann schimpfen, wie man will über dieses Instagram – es ist wenigstens sehr leise.

 

Leseempfehlungen zum Thema

 

Das oben schon verlinkte NZZ-Interview mit Richie Hawtin, von dem ich ehrlich gesagt vorher noch nie etwas von gehört hatte; wenn ich das verlinkte YouTube-Video anhöre, weiss ich auch wieso. Aber er sagt interessante Dinge auch über Technologie und Ökologie.

Der Blick empört sich über den Run auf die Schweizer Instagram-Hotspots (mit 10 der schönsten Fotos).

Hach, die Meta-Ebene ist einfach die beste: Der Instagram-Account zeigt die unbekannten Fotografen hinter den Instagram-Fotos. Hätte auch das eine oder andere hinzufügen können.

«Das Phänomen gab es schon vor dem Internet. Seit ein paar amerikanische Studenten per Zufall die tschechische Stadt Český Krumlov entdeckten und dann zu Hause Fotos zeigen, gibt es keine US-Tour durch Tschechien mehr, die nicht durch Český Krumlov führt.»

 

Topics: Social Media, Internet