re:publica 2019: Unsere Top-Empfehlungen

Peter Hogenkamp Peter Hogenkamp on 14. Mai 2019 11:30:24 MESZ

Nebst einem Stück Papier haben Peter Hogenkamp an der diesjährigen re:publica vor allem drei Talks beeindruckt. 

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Vergangene Woche war ich drei Tage lang in Berlin bei der re:publica 2019, Digital-Native- und Weltretterkonferenz (was ich beides selbst nicht oder viel zu wenig bin), die seit ihrer Gründung vor zwölf Jahren von 600 auf inzwischen über 20’000 Teilnehmende angeschwollen ist, aber immer noch etwas Familiäres hat. Natürlich werden dort vor allem wichtige Themen verhandelt wie künstliche Intelligenz, Überwachung, Plattformökonomie, Sprachassistenten etc.

Am meisten beeindruckt hat mich und viele andere aber ironischerweise ein Stück Papier: Inspiriert vom diesjährigen Motto «tl;dr» (Netzjargon für «too long;didn’t read» – launiger Kommentar von jemandem, der/die sich weigert, einen langen Text zu lesen) hatten die Veranstalter den gesamten Moby-Dick-Roman, als Buch 1000 Seiten lang, auf eine gewaltige, 450 m lange Rolle Papier gedruckt und in Wellenform durch die Hallen gezogen. Hier einige Bilder und ein kurzes Zeitraffer-Video.

In der gesamten Kommunikation hat die rp19 den allgegenwärtigen, scheinbar unvermeidlichen Trend zur schlagwortartigen Verkürzung konsequent umgekehrt und alles Material auf Fliesstext umgestellt, von der Homepage über alle Infotafeln und Hinweisschildern vor Ort bis zum Halsband für das Namensschild, sicher der schlechteste Ort für einen langen Text, auf dem nun gewunden steht: «This is a Lanyard from re:publica 19. It is made of recycled PET bottles. It may be reused as a keychain. The hashtag is #rp19. The motto is tl;dr.»

Das Magazin «Page» schreibt über das Konferenzdesign: «Das ist so elegant wie prägnant, zeigt die Schönheit und das Gestaltungskönnen von Schrift und stemmt sich gegen die geistige Verflachung durch “snackable content”.» Genauso habe ich es wahrgenommen und konnte mich nicht satt lesen an diversen Plakaten mit 1000 Zeichen.

Der Mut zur Länge bliebe jedoch nur ein Konzept, wenn es nicht auf die Durchführung abstrahlen würde. Die österreichische Grünen-Politikerin und Feministin Sigi Maurer, die in erster Instanz verurteilt wurde, weil sie an sie gerichtete obszöne Nachrichten öffentlich gemacht hatte, war in ihrem bemerkenswerten Vortrag am Ende ihrer vereinbarten Redezeit angekommen, als sie entwaffnend ehrlich zugab: «Anfangs hatte ich Angst, mein Vortrag sei zu kurz, jetzt merke ich, er ist zu lang» – und einfach weitersprach. Während anderswo an dieser Stelle zugunsten des straffen Zeitplans die Rednerin von der Bühne eskortiert wird, sprang ihr hier der Moderator bei und beruhigte sie, der nach ihr auftretende Sascha Lobo könne ruhig noch ein paar Minuten warten. Die eindrücklichsten Aussagen zu ihren durchzogenen Erfahrungen mit den «patriarchalen Mustern in den solidarischen Reaktionen» machte sie im Nachspann, der sonst womöglich entfallen wäre.

Ich gebe es zu: Nach 29 Jahren Einschweizerung geht mir Berlin mit seiner «Kommste nicht heute, kommste morgen»-Mentalität manchmal ziemlich auf die Nerven. Doch bei der #rp19 wurde mir bewusst, dass diese Entspanntheit den Wechsel in den Reflektionsmodus auch erst ermöglichen kann. Umso beeindruckender, wenn in unseren digitalen Zeiten an einer Digitalkonferenz gedrucktes Design dazu beiträgt.

Meine Top-Empfehlungen von der diesjährigen re:publica:

Sigi Maurer: It's the patriarchy, stupid

Der oben erwähnte Talk von Sigi Maurer. Vorgestern wurde sie in Österreich für ihren Einsatz in dieser Sache noch als «Kommunikatorin des Jahres» ausgezeichnet.

Frank-Walter Steinmeier: Rede des Bundespräsidenten

Eröffnungsrede des deutschen Bundespräsidenten, der dafür, dass er auch weder Digital Native noch Netzaktivist ist, viele erstaunlich kluge Dinge sagt, unter anderem zitiert er eines meiner Lieblingskonzepte, den «Hype Cycle».

Sascha Lobo: Realitätsschock

Sascha Lobo schliesst wie üblich den ersten Tag ab mit einer wütenden Rede zu seinem «Realitätsschock». Im September erscheint sein gleichnamiges Buch; die erste Auflage für alle Vorbesteller will er komplett in einer dunklen Lagerhalle signieren und dies livestreamen.

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