Scope-Zirkeltag: Wir gedenken des Pivots

Peter Hogenkamp Peter Hogenkamp on 9. November 2019 08:00:00 MEZ

Unsere Firma ist heute seit 1283 Tagen in Zürich, gleich lang wie vorher in Lugano. Passend dazu einige Gedanken zu Neuausrichtungen, genannt Pivots.

Man hätte sich schon gut verstecken müssen, um das heutige Jubiläum zu verpassen: 30 Jahre Öffnung der Berliner Mauer.

Wo warst Du am 9. November 1989? Ich weiss es noch: Ich hatte in meinem Zivildienst-Job gearbeitet, abends war ich zwar zuhause, aber weil ich keinen Fernseher hatte, alles andere gab es ja eh noch nicht, habe ich vom Mauerfall erst am nächsten Tag erfahren, was aus Sicht unserer heutigen Welt mit Push-Meldungen zu jeder Nichtigkeit irgendwie unfassbar erscheint.

Vor knapp zwei Jahren, am 5. Februar 2018, hatten einige Berliner Medien schon mal ein Vor-Jubiläum konstatiert: den «Zirkeltag», an dem die Berliner Mauer genauso lange nicht mehr stand, wie sie von 1961 bis 1989 die Stadt geteilt hatte: 28 Jahre, 2 Monate und 27 Tage.

Wir haben das Konstrukt übernommen, nachgerechnet, und siehe da, auch Scope feiert Zirkeltag, ausgerechnet heute: Die Firma ist gleich lang in Zürich, wie sie vorher in Lugano war, nämlich 3 Jahre, 6 Monate und 4 Tage – oder 1283 Tage.

Zirkeltag

(In allen Jubiläen steckt immer etwas Willkür, weil man verschiedene Ereignisse als Stichtag annehmen kann. Wir haben gerechnet mit der Beurkundung der ersten Statuten der NewsCron SA am 30. Oktober 2012 sowie dem Einzug ins erste Zürcher Büro an der Rötelstrasse am 5. Mai 2016; die Umbenennung der Firma in Scope Content AG geschah natürlich nicht am selben Tag, sondern erst im September 2016. Berechnung mit timeanddate.com.)

Der Umzug von Lugano nach Zürich war in der Geschichte unserer Firma ein wichtiger Wendepunkt. Dafür gibt es auch ein modernes Wort: Pivot. Die Startup-Branche im Silicon Valley hat sich das französische Wort «pivot» ausgeliehen (daher sprechen es manche auch ohne das t), wörtlich der Drehpunkt eines Gelenks oder einer Achse. Im Deutschen kennen wir diese Stelle in ähnlicher Bedeutung aus der Redensart «Dreh- und Angelpunkt».

Im übertragenen Sinne, und von dem wollen wir heute reden, ist «Pivoting» oder eben der Pivot die drastische Neuausrichtung eines Unternehmens, seiner Produkte, Zielgruppen oder des ganzen Geschäftsmodells.

Überall ist das noch nicht angekommen. Im Mai beschrieb ein Artikel den Begriff Pivot in einem launigen – und durchaus auch lustigen – Startup-ABC wie folgt:

Tagi_Bellevue_Pivot

Quelle: «Da, mis Bisness-Chärtli!», tagesanzeiger.ch

Pivot-Tabellen gibt's in der Tat, dabei geht es um das halbautomatische Gruppieren von Daten zum Beispiel in Excel. Hab ich in meinem ganzen Leben noch nie benutzt, ehrlich gesagt. Ich bin aber sicher, dass diese Pivots etwas ganz anderes sind und wirklich nie bei Apéros oder Stehlunches besprochen werden – da kam einfach der falsche Wikipedia-Treffer zuoberst.

Von Netflix und anderen berühmten Pivots

Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von berühmten Pivots, viele deutlich älter, als dieses Wort dafür zu benutzen; hier trotzdem einige aus jüngerer Zeit:

  • Twitter hatte begonnen als Plattform für Podcasts, bis Mitgründer Jack Dorsey
    die kurzen Statusmeldungen erfand, wo jemand sei oder was er gerade mache.
  • Groupon war zunächst eine Fundraising-Seite für gute Zwecke, und die Idee,
    sich für Rabatte zusammenzuschliessen, entstand quasi auf einer Unterseite.
    Nach dem Riesen-IPO im Jahr 2011 stellte sich das Geschäftsmodell jedoch als
    nicht nachhaltig heraus.
  • Inoffizieller Pivot-Weltmeister dürfte der Kanadier Stewart Butterfield sein, der
    gleich zweimal ein Seitengeschäft einer nicht funktionierenden Gaming-Firma
    sehr erfolgreich verselbstständigte: vor rund 15 Jahren die Fotosharing-
    Plattform Flickr, zuletzt das Kommunikationstool Slack.
  • Wo der Pivot anfängt und aufhört, liegt immer auch etwas im Auge des
    Betrachters. Manche finden, Starbucks gehöre auch dazu, weil die Firma an
    ihrem ersten Standort nur Kaffeebohnen verkaufte, aber noch kein Café war;
    oder Netflix, die bekanntlich DVDs per Post rumschickten, bevor sie zur
    Streaming-Plattform wurden, wobei ich der Meinung bin, den pivot'esquen
    Unterschied macht nicht der Kanal der Auslieferung aus, sondern der Umstieg
    von der Videothek zum Filmstudio mit eigenen Inhalten.

Nokia war mal Papiermühle und Reifenhersteller

Am Beispiel Groupon sieht man auch, dass der Zeitpunkt der Betrachtung wichtig für die Wahrnehmung ist. Während meines Studiums Anfang der 1990er Jahre galt der Mehrfach-Pivot von Nokia von der Papiermühle über den Gummi-und Reifenhersteller zur alles dominierenden Handy-Marke – weltgrösster Hersteller von 1998 bis 2011 – als einer der berühmtesten Pivots aller Zeiten. Seit dem Abstieg als Consumer Brand im Smartphone-Zeitalter sind wir davon irgendwie weniger beeindruckt, auch wenn Nokia immer noch 22 Mrd. Euro Umsatz mit rund 100'000 Mitarbeitenden macht.

Für meinen Geschmack wird das Thema Pivot oft etwas zu holzschnittartig dargestellt: Wie in einem Hollywood-Film scheint es, als sei die Firma jahrelang direkt auf den Abgrund zugerast, bevor in letzter Sekunde jemand beherzt das Steuer herumreisst – und sofort geht die reibungslose Fahrt in die richtige Richtung, dem goldenen Sonnenuntergang entgegen.

Viele kleine Pivots statt einem grossen

Die Wahrheit ist viel komplizierter, und es gibt eher viele Mini-Pivots als einen dramatischen. So auch bei unserer Firma Scope, sowohl vor wie auch nach dem Umzug:

  • Von automatischer News-Aggregation zur Kuratierung durch Menschen,
    wobei der Prozess weiterhin bestmöglich «maschinell» unterstützt wird;
  • von «App only» aufs Ausspielen der Inhalte auf diverse Kanäle;
  • vom Portal mit kuratierten Inhalten für End-User, mit verschiedenen Themen
    bespielt von Expertinnen und Experten, hin zu einer reinen Softwarelösung;
  • von einem früher etwas unscharfen Nutzenversprechen und Geschäftsmodell
    zu einem simplen, das potenzielle Kunden zum Glück inzwischen auf Anhieb verstehen.

So schön es ist, etwas in der Vergangenheit zu schwelgen (die Langversion davon gibts hier), interessiert sie uns doch eigentlich nur zu Jubiläen. Bis dahin heisst es: Vollgas und Blick nach vorn.

 


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Leseempfehlungen zum Thema:

Stewart Butterfield ist ebenso bewundernswert wie sympathisch und bescheiden. Hier im aufwändig produzierten Podcast des LinkedIn-Gründers Reid Hoffman. Zitat: «Can we not go out of business? – These are the words that launched a thousand pivots.»

Liste der Washington Post mit ein paar Überlappungen zu meinem Text: 1. YouTube, 2. Twitter, 3. Instagram, 4. Flickr, 5. Groupon, 6. Nokia, 7. Nintendo.

Auch mal ein paar nicht-technische dabei: Paypal, Airbnb, Twitter, Netflix, Western Union, Slack, IBM, Honda, Nintendo, Play-Doh (!).

Topics: Konzepte und Strategien, In eigener Sache