Treibjagd mit Halbwissen: Zoom und der Datenschutz

Peter Hogenkamp Peter Hogenkamp on 17. Mai 2020 09:06:16 MESZ

In den letzten Monaten hat die Videokonferenz-Software «Zoom» einen gewaltigen Boom erlebt. Und einen ebenso heftigen, teilweise sehr undifferenzierten Shitstorm. Deutschsprachige «Qualitätsmedien» enttäuschten dabei oft.

Datenkrake_Wikipedia

«Datenkrake» als Kunstaktion bei der Demonstration «Freiheit statt Angst» 2009 (CC BY 2.0)

 

«Ich hoffe, es geht Ihnen gut.» Mit diesem Ausdruck der Sorge fangen viele von uns seit neun Wochen ihre E-Mails an. Ich finde das immer noch schön und nicht aufgesetzt.

Zum Glück geht es den meisten von uns immer noch gut, was wir uns allerdings auch erkauft haben mit Einsamkeit im Home Office vor dem Bildschirm. Schon nach der ersten Woche Lockdown schrieb ich hier über «unser neues Leben als Videokonferenz».

Diese Woche kehrte für manche etwas Büro-Normalität zurück, aber die Standardform der zwischenmenschlichen Interaktion bleibt bis auf weiteres das Video-Meeting. Wie die Zürcher Medienwissenschaftlerin Sarah Genner es auf Twitter treffend ausdrückte: «Zoom oder Teams ist das neue PC oder Mac.»

Die beiden führenden Plattformen bieten nicht das gleiche, denn Microsoft Teams ist ein Multifunktionstool und vereint Chat, Kollaboration via Office und eben Videokonferenzen, während Zoom sich auf letzteres spezialisiert hat. 

Nicht überraschend ist die Nutzung beider durch die Decke gegangen in den letzten Monaten: Zoom sprang in drei Monaten von 10 auf 200 Millionen User, Teams auf rund 75 Millionen User. (Um die Zahlen gab es etwas Verwirrung, weil nicht klar war, ob tatsächlich einzelne Menschen gezählt wurden oder die Anzahl Meetings – von denen ich derzeit jeden Tag bis zu 10 mache, der Unterschied ist also beträchtlich – aber das tut dem Trend keinen Abbruch.)

Ich nutze Zoom seit 2018, also schon lange vor Corona, für mich ist es die beste Videokonferenz-Software. Es funktioniert immer, und diverse Features wie die «Breakout Sessions» bietet derzeit nur Zoom. Wer dagegen in diesen Tagen eine andere Software nutzen muss, weil die internen Regularien des Partners nichts anderes erlauben, erlebt fast immer eine Tech-Fail-Geschichte für die nächste virtuelle Kaffeepause – die leider nur im Nachhinein lustig ist.

Was ich bemerkenswert finde: Zoom hat das explosionsartige Wachstum ohne nennenswerte Taucher geschafft, der Satz: «Zoom ist down wegen Überlastung» hätte niemanden überrascht, aber zumindest ich habe ihn nie gesehen. Wer sich noch an den «Fail Whale» von Twitter ab 2008 erinnert, der angezeigt wurde, wenn Twitter überlastet war – und das war es fast jeden Tag – weiss, was ich meine.

Zoom ist dabei keineswegs nur Über-Nacht-Erfolg als Covid-Krisengewinnler, sondern hat bereits 2016 zu einem Überholkurs gegenüber den früheren Platzhirschen wie Webex und GoToMeeting angesetzt, der sich nun noch nochmal extrem gesteigert hat. 

okta-2020-report-video-conferencingZoom war schon Prä-Corona seit einigen Jahren Marktführer bei den Videokonferenz-Tools. Quelle

 

Wird also Zoom von allen geliebt und gelobt für die Leistung der letzten Jahre, wie es etwa in den letzten Jahren anderen Tools wie Slack widerfahren ist, das die meisten mögen?

Ganz im Gegenteil. Zoom erlebte seit März einen veritablen Shitstorm, aufgrund tatsächlicher und vermeintlicher Lücken beim Datenschutz. Nachdem durch Corona viele IT-Themen den Sprung in die Massenmedien geschafft haben, wurde auch Zoom aus allen Blickwinkeln dort besprochen; einige Zoom-Meetings begannen zeitweise mit dem Satz: «Sollten wir wirklich hier sein, ich habe gelesen, es sei so unsicher?»

Zoom wurden dabei unter anderem folgende fünf Verfehlungen vorgeworfen – ich schreibe jeweils meine Einschätzung dazu:

 

1. Gefahr des «Zoom Bombings»

Da die Zoom-Konferenznummer aufgebaut ist wie eine US-Telefonnummer (xxx-xxx-xxxx), kann man sie natürlich auch raten, wobei es völlig zufällig ist, bei wem man landet. Bis zum März hatten Zoom-Meetings noch laxere Voreinstellungen als heute, so dass es möglich war, dass sich etwa ein Exhibitionist in eine beliebige Videokonferenzen einschlich und dort seinen Bildschirm und damit sich zeigen konnte.

Einschätzung: Sicher ein unappetitliches Thema, insbesondere wenn Schulen für den Unterricht auf Zoom setzen, aber mit einer einfachen Analogie aus der physischen Welt vergleichbar: Willst du deine Haustür standardmässig abschliessen oder offen lassen? Selbstverständlich schliesst man die Tür zum virtuellen Klassenzimmer ab. In Zoom war das schon immer mit zwei Klicks zu beheben: Die Moderatorin lässt nur rein, wen sie kennt, Teilnehmer*innen können ihren Bildschirm erst nach Genehmigung teilen. Zoom erhob rasch diese Einstellungen zu «Defaults», so dass alle Räume standardmässig ein Passwort haben (und die Raum-Nummer de facto zurückgefahren wurde). Problem bereits weitgehend gelöst.

 

2. Weitergabe von Daten an Facebook

In der mobilen iOS-Version der Zoom-App (die vermutlich nur ein Bruchteil der User nutzt, weil die meisten von uns ja nicht auf dem Sofa zoomen, sondern am Schreibtisch) wurden Analytics-Daten wie das Modell des Smartphones, Ort, Zeit sowie eine Art Werbe-ID an Facebook übergeben, selbst wenn der User gar keinen Facebook-Account hat, worauf Zoom nicht hinwies. Hier ein Artikel vom 26. März: «Zoom iOS App Sends Data to Facebook Even if You Don’t Have a Facebook Account». Natürlich eine Steilvorlage für alle Datenschützer, denen ohnehin Facebooks krakenartige Praktiken – oft völlig zu Recht – ein Dorn im Auge sind.

Einschätzung: Ja, unschön… aber: So funktioniert heute das gesamte Web. Wenn ich mir auf der Website der honorigen Schweizer Buchhandlung Orell Füssli ein Buch anschaue, verfolgt mich dieses via Retargeting – überall sehe ich deren Banner. Habe ich das explizit erlaubt? Natürlich nicht. (Neulich war OF wochenlang überzeugt, ich wolle doch sicher unbedingt das Buch: «Und ich habe nichts geahnt: Ich war jahrelang mit einem Doppelmörder verheiratet» kaufen; hier der Link – aber überlegen Sie sich zweimal, ob Sie ihn anklicken. Seitdem habe ich beschlossen, nie wieder auf deren Website zu gehen, weil mich diese Kombination von aggressivem Marketing und dilettantischer Datenauswertung zu sehr ärgert.)

Klar ist das auch von Zoom nicht die feine Art, aber ich bin überzeugt, jeder von uns hat 100 Apps auf seinem iPhone, die hintenrum Daten an jemand anderen weitergeben, für Statistiken, Werbung oder nur, um den Login zu vereinfachen. Zoom hatte hier wohl einfach Facebooks «Software Development Kit» (SDK) in seine App verbaut, vermutlich um Werbung zu «targeten» für User, die zuvor die App genutzt hatten, wie gesagt, auch das ist ein vielleicht nicht begrüssenswerter, aber seit Jahren absolut üblicher Vorgang. Die Tatsache, dass Zoom es nur in die iOS-App eingebaut hatte, nicht aber in die Android-Variante, spricht zudem dafür, dass kein grosser Plan dahinter stand, sondern womöglich nur ein Produktmanager oder Entwickler nicht genug überlegt hatte, ob dies sinnvoll im Sinne der Gesamtstrategie sei. Wie gesagt, unschön, aber es hat immer etwas willkürlich, wenn eine Firma für etwas an den Pranger gestellt wird, das praktisch alle machen.


3. Zoom spioniert Meeting-Teilnehmer*innen aus

Und zwar mit «umfassenden Überwachungsfunktionen, die vermutlich längst nicht allen Nutzern bewusst sind», wie es die Schweizer Netzwoche formulierte. Das klingt dramatisch. In Wahrheit hatte Zoom ein Feature eingebaut, mit dem man sehen konnte, welche User die Zoom-App nicht im Vordergrund hatte, sondern sie zwar laufen liess, aber nebenbei in Wirklichkeit in einem anderen Fenster unterwegs war, etwa in seinen Mails. Knackig auf den Punkt gebracht wurde das am 16. März so: «Working From Home? Zoom Tells Your Boss If You're Not Paying Attention».

Einschätzung: Hier kann man geteilter Meinung sein. Ich habe etwa für Webinare schon mehrere Softwarelösungen ausprobiert, und ich finde den Indikator «Wie viele Leute schauen gerade weg?» ganz praktisch. Es ist wie bei einem Vortrag: Wenn man merkt, dass im Publikum einige ihr Smartphone rausholen, sollte man vielleicht zügig zum nächsten Slide gehen. Wer viel mit solchen Tools arbeitet, dem war wohl immer schon bewusst, dass so etwas möglich ist, aber den Millionen von Video-Quereinsteigern wohl nicht. Aufgrund der Kritik hat Zoom das Feature «Attendee attention tracking» am 2. April komplett abgeschaltet. Bei meinem letzten Webinar mit Zoom war es daher schon nicht mehr aktiv, wo ich es hilfreich gefunden hätte, und ich auch nicht der «Boss» der Teilnehmenden war, so dass niemand etwas zu befürchten gehabt hätte. Aber nun ist es halt weg, und das ist wohl auch gut so.


4. Unschärfe bei der Verschlüsselung

Zoom hatte vorgegeben, alle Videokonferenzen seien «Ende-zu-Ende-verschlüsselt», doch dann fand jemand heraus, dass das nicht ganz stimmte. Zwar seien die Übertragungen verschlüsselt vom Zoom-Client (mein Computer) bis zum Zoom-Server, ebenso die der anderen Teilnehmer, das heisst, im Firmennetz oder im Starbucks kann niemand via WLAN meine Konferenzen anschauen. Dazwischen, also auf dem Zoom-Server, seien sie aber nicht verschlüsselt, was wiederum bedeutet, jemand von Zoom mit Zugriff zur Plattform könne theoretisch zuschauen. Damit sei die Angabe «end to end» irreführend: «Zoom Meetings Aren’t End-to-end Encrypted, Despite Misleading Marketing».

Einschätzung: Hier kippt es etwas ins Sicherheits-esoterische. Wenn ich die NASA oder die CIA bin, spielen solche Unterscheidungen eine Rolle, aber wenn ich als KMU Team- und Kunden-Meetings via Zoom mache, sicher nicht. Anfang April hat Zoom in einem ausführlichen Blogpost veröffentlicht, wie seine Verschlüsselung derzeit funktioniert. Ich vermute, dass es 99% der User wohl kaum so detailliert interessiert. (Weiter unten noch ein aktuelles Update dazu.)

 

5. Zooms «Datenleck»

Die Zugangsdaten von über 500'000 Zoom-Accounts könne man im Darknet kaufen, wurde Mitte April bekannt. Diverse deutschsprachige Medien griffen diese Geschichte auf, und inzwischen war Zoom wie gesagt auch bei der Masse angekommen: «Schon wieder ein Datenleck: 500.000 Nutzerdaten von Zoom im Darknet verkauft», schrieb die «BILD» am 15. April. Wahnsinn, also jede Woche ein neuer Skandal?

Einschätzung: Nö. Seriöse IT-Medien arbeiteten die Geschichte in zwei Meldungen auf. Das deutsche Geek-Portal heise online titelte zwar am 14. April «Zugangsdaten für hunderttausende Zoom-Accounts zum Kauf im Darknet entdeckt», präzisierte aber schon in diesem Artikel, dass man noch nicht genau wisse, woher diese genau kämen, aber vermutlich nicht aus einem Leck bei Zoom selbst. Zitat: «Die (offenbar ausnahmslos) im Klartext vorliegenden Passwörter lassen die Theorie eines klassischen (Datenbank-)Leaks allerdings auch eher unwahrscheinlich erscheinen.» Deutlich weniger griffig als die Schlagzeile der BILD, dafür näher an der Wahrheit, wie sich schnell herausstellte.

Denn nach einer Mitteilung von Zoom präzisierte heise am folgenden Tag in einem neuen Artikel: «Videokonferenz-Plattform Zoom: Veröffentlichte Login-Daten aus Credential-Stuffing-Angriffen». Das ist ein wichtiger Unterschied, denn es bedeutet: In anderen Datenlecks der Vergangenheit wurden bei anderen Anbietern Kombinationen von Usernames und Passwörtern erbeutet (die Liste von Datendiebstählen, aus der diese stammen könnte, ist leider sehr lang). Und weil es leider immer noch Millionen von Idioten nicht sehr sicherheitsbewussten Usern gibt, die überall dasselbe Passwort verwenden, konnten Leute mit Zugriff zu vielen Computern diese überall anders ausprobieren. Und etwa eine halbe Million funktionierten tatsächlich bei Zoom – die selbst aber kein «Datenleck» zu verzeichnen hatten.

Mit anderen Worten: In einer Überschrift anzudeuten, bei Zoom selbst sei quasi eingebrochen worden, ist meiner Meinung nach «Fake News». Wobei mir bei der Recherche für diesen Artikel aufgefallen ist: Bei den Wikipedia-Artikeln  führt der englische, List of data breaches, Zoom nicht auf. Der deutsche Artikel, Liste von Datendiebstählen, dagegen schon, mit Link auf einen Spiegel-Artikel, der im Text ebenfalls differenziert argumentiert, dies aber unter die plakative und nicht korrekte Überschrift stellt: «500.000 Zoom-Accounts gehackt». Wie gesagt: Die Daten wurden woanders gestohlen, aber dann bei Zoom via Credential Stuffing, also dem automatischen Ausprobieren von Millionen von Logins, quasi validiert. Ich finde, das ist kein Leck bei Zoom, manche sehen es offenbar anders. Hach, IT – es ist immer alles so schwierig… 🙄

 

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Soviel zur «Aufarbeitung» dieser Vorwürfe. Als mündige Medienkonsumenten wissen wir es längst: Die ganze Wahrheit ist meist viel komplizierter als die süffige Schlagzeile. Default Settings, Details zur Verschlüsselung und Credential Stuffing sind einfach viel weniger plakativ, als jeden Tag die nächste Zoom-Skandal-Sau durchs Dorf zu treiben. 

Was insbesondere in den deutschsprachigen Medien praktisch überhaupt nicht stattfindet, ist die meiner Meinung nach absolut vorbildliche Aufarbeitung dieser Skandale oder Skandälchen, die Zoom und sein CEO auf verschiedenen Ebenen leisten. 

Schon am 1. April und sicher nicht als Scherz hat sich CEO Eric S. Yuan mit einem ausführlichen und lesenswerten Blogpost A Message to Our Users gemeldet, unterteilt in die Abschnitte «Was haben wir schon getan» (mehrere Punkte habe ich hier bereits erwähnt) und «Was werden wir noch tun in den nächsten 90 Tagen». Zudem kündigte er an, jede Woche ein offenes Webinar mit Fragen im Format «Ask Eric Anything» durchzuführen, deren Ergebnisse danach wieder im Blog dokumentiert wurden, was auch so geschehen ist.

Bemerkenswert fand ich den ersten Punkt für die nahe Zukunft: «Enacting a feature freeze, effectively immediately, and shifting all our engineering resources to focus on our biggest trust, safety, and privacy issues.»

Zoom hat also beschlossen, drei Monate lang alles andere beiseite zu legen (und ich bin sicher, Sales, Marketing etc. hatten angesichts des explosionsartigen Wachstums auch ein paar Ideen, was man machen könnte), um sich nur auf die Themen Sicherheit und Datenschutz zu fokussieren.

Heute, Mitte Mai, sind wir recht genau in der Mitte dieser 90 Tage, und wer Zoom täglich nutzt, stellt fest, sie haben praktisch im Wochentakt geliefert. Jede Woche kam ein neues Update der Software, jedes Mal kamen neue Features dazu oder änderten sich die Voreinstellungen. Das führte auch dazu, dass wir uns für unsere firmeninternen virtuellen Kaffeepausen plötzlich in Zoom-«Warteräumen» wiederfinden, in die wir eigentlich gar nicht wollten. Aber sie stören auch nicht grossartig.

«There is a tradeoff between security and usability when picking a video-conferencing product», sagte dazu dem Guardian Professor Arvind Narayanan, was selbstverständlich richtig ist, auch wenn viele sich dieser Erkenntnis verweigern. Wir kommen unten nochmal darauf.

Hier ist der aktuelle Rechenschaftsbericht von Zoom für die abgelaufene Woche: 90-Day Security Plan Progress Report: May 13, inklusive einer Übersicht über diese letzte Woche sowie die nächsten beiden bis Ende Mai: 

 

highlights-5-13Grafik aus: 90-Day Security Plan Progress Report: May 13

 

Letzte Woche hat Zoom offenbar mal schnell eine Firma gekauft (die stark gestiegene Aktie und der Marktwert von derzeit fast 50 Milliarden macht's möglich), die sich auf Verschlüsselung spezialisiert hat, und sie verhehlen auch gar nicht wieso: als «Acqui-Hire», also wegen der Leute, die ihnen helfen sollen. Auch wenn ich persönlich die technischen Details der Verschlüsselung oben als etwas esoterisch eingestuft habe, wollen sie das mit der nicht perfekten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung offenbar nicht auf sich sitzen lassen, sondern schon am 22. Mai dazu einen «Detailed Draft» veröffentlichen. Ich glaube nicht, dass viele Leute bei Zoom in diesen 90 Tagen freie Wochenenden haben.

 

***


Warum sollte uns das alles so ausführlich interessieren? Meiner Meinung nach aus vier Überlegungen:

Erstens aus einem ganz praktischen Grund: Auf die in diesen Tagen immer noch für viele wichtige Frage: «Ist Zoom für meine Firma sicher genug?», würde ich klar antworten: Ja, für den normalen Einsatz in Schule, Uni, KMU etc. sind sie schon heute auf einem sehr guten Niveau, die kritisierten Probleme wurden innert kürzester Zeit behoben, und sie haben sich offenbar noch viel vorgenommen. 

Zweitens finde ich Zooms Umgang mit der Krise wegweisend. Sie haben sich sofort umfassend geäussert, nichts beschönigt (soweit ich das beurteilen kann), keine doofe PR-Lingo gebraucht, sondern sich entschuldigt, wo es angemessen war, allen Fokus auf diese Themen verschoben und in kurzer Zeit – parallel zum weiter explosionsartigen Wachstum – ein beeindruckendes Programm von Verbesserungen aufgelegt. 

Drittens, nachdem jemand meine Einschätzungen gelesen hat, könnte er oder sie womöglich auf die Idee kommen: «Hogenkamp findet Datenschutz unnötig.» Das stimmt natürlich nicht. Ich finde diverse Entwicklungen der letzten Jahre skandalös. Dass die NSA oder der BND unsere Telefonate mithören und unsere E-Mails lesen können, dass das deutsche Parlament von russischen Hackern lahmgelegt wurde, oder dass mutmasslich der russische Geheimdienst den Ausgang von US-Wahlen beeinflusst hat, was Facebook durch seine detaillierten Profile erst ermöglicht hat, sind alles nichts weniger als akute Gefahren für unsere Demokratie, die dringend angegangen werden müssen.

Das grosse Problem dabei ist, dass solche Themen eben nicht so eingängig sind, dass die breite Masse der Menschen sie beurteilen könnte. Aufgrund unserer Erfahrung in der realen Welt können wir alle gut sicherheitsrelevante Fragen beantworten mehr oder weniger gut beantworten: Lasse ich meine Wohnungstür tagsüber offen, oder schliesse ich sie ab? Wie sicher ist mein KABA-Schlüssel angesichts der Werte in meinem Haus; sollte ich zusätzlich eine Alarmanlage installieren?

Auch hier gilt übrigens die oben genannte Abwägung zwischen Sicherheit und Einfachheit der Bedienung: Eine offene Tür ist eigentlich viel praktischer, aber zugleich sehr unsicher, eine Alarmanlage dagegen ist recht teuer und unpraktisch, daher entscheiden sich die meisten von uns für den Mittelweg des Sicherheitsschlosses, auch wenn jeder weiss, dass Profi-Einbrecher diese in Sekunden knacken können. Wir schlafen trotzdem meist gut, weil wir das Risiko dieses Ereignisses abschätzen können.

Doch die IT-Welt ist wie gesehen wesentlich komplexer und dynamischer, hier braucht es sachkundige Einschätzungen und geduldige Erklärungen, insbesondere wenn plötzlich Millionen von Menschen einer neuen Technologie ausgesetzt werden, mit der sie vorher nichts zu tun hatten. 

Zoom steht dabei stellvertretend für viele Themen. Ich habe es so ausführlich herausgegriffen, weil viele es vermutlich vor wenigen Monaten noch gar nicht kannten und nun einen Grossteil der letzten Wochen damit verbracht haben.

Es gäbe natürlich auch viele andere wichtige Themen im Spannungsfeld von IT und Datenschutz. Eines, mit dem man auch gut einen langen Artikel hätte füllen können, ist die Debatte über die Corona-Tracing-Apps, die aktuell in ganz Europa, leider Land für Land separat, händeringend diskutiert wird. Hier bin ich kein Experte, aber es sieht so aus, als hätte die Schweiz einmal mehr einen tollen technischen ersten Aufschlag gemacht, der dann aber durch ein zauderndes Parlament ausgebremst wurde. Adrienne Fichter hat bei der Republik darüber geschrieben: «Das Parlament verzögert die Lancierung der Contact-Tracing-App. Das stärkt das Vertrauen der Bürgerinnen – doch die Schweiz wird ihre Pionier­rolle wohl verlieren.»

Es gibt Themen, gegen die kann man als aufgeklärter Mensch schlecht etwas haben. Umweltschutz, Gleichberechtigung, Impfen. Datenschutz hat sich da eingereiht. Wer wollte sich schon ernsthaft gegen so etwas Selbstverständliches aussprechen?

Nun ja. Damit bin ich viertens (immer noch Gründe, wieso der «Deep Dive» in Zoom ein gutes Beispiel für vieles ist) bei den Medien: Ich finde es wirklich traurig, wie auch renommierte Medien technisches Halbwissen rausposaunen und dem Wunsch nach dem «Weiterdrehen» der Geschichte lieber nachkommen, als die womöglich langweiligere Fortsetzung zu schreiben, die lautet: «Das Problem, über das wir letzte Woche berichtet haben, wurde inzwischen gelöst.»

Dass das geht, indem man auch in bestehende Artikel mit einfachsten Mitteln Updates einbauen kann, damit nicht altes Zeug unkommentiert stehen bleibt, sieht man schön am oben erwähnten Artikel von heise online:heise_Zoom_April15

 

Ich finde Datenschutz wie gesagt keineswegs unwichtig, aber ich finde es problematisch, wenn er zum Totschlag-Argument wird, indem man auch die genannte immer gültige Abwägung  «Datenschutz versus Convenience» einfach komplett ignoriert.

Wer als Anwender online seine Tür nicht abschliesst, macht es womöglich absichtlich und hat vielleicht einfach einen Grund dafür, den man nicht von vornherein verdammen sollte? Natürlich muss er sich dessen bewusst sein, und die richtigen «Defaults» sind wichtig.

Und wer sich als Anbieter ernsthaft Mühe gibt, sich zu verbessern, dessen Aktionsplan sollte man vielleicht zumindest lesen, anstatt ihn reflexartig als die übliche Dementi-PR abzutun? 

Jede Journalistin und jeder Journalist schreibt gern die differenziert klingende Geschichte: «Der auf den ersten Blick beeindruckende Erfolg von XY hat auch seine Schattenseiten». Das Internet, das Smartphone, das Elektroauto und alle anderen fundamentalen Innovationen lassen grüssen; über sie hören wir diese Erzählung in immer neuen Facetten seit Jahrzehnten. 

Ich verlinke hier bewusst keine «Worst of»-Liste von Artikeln in sogenannten Qualitätsmedien. Mit Blick auf das Datum der Publikation könnte man leicht Punkt für Punkt durchgehen und jeweils einordnen: Stimmt – stimmt so halb –  könnte man auch anders sehen – stimmt gar nicht – war zu diesem Zeitpunkt schon überholt. Doch es geht mir hier keineswegs darum, einzelne Medien oder gar Autorinnen und Autoren blosszustellen.

Trotzdem sollten insbesondere diese Qualitätsmedien (die uns neuerdings alle ermuntern, für ihre Leistung zu bezahlen, was ich auch an diversen Orten mache) sich personell so aufstellen, dass über technische Themen Leute schreiben, die genug davon verstehen und bereit sind, auch in Blogposts und bei Twitter tagesaktuell nachzulesen, was passiert, anstatt ebenso pauschale englischsprachige Artikel zu übernehmen.

Es regt mich seit Jahren auf, wenn mit technischen Halbwissen auf dem Stand von vor mehreren Wochen zur Treibjagd geblasen wird, weil die mediale Meute ein Opfer ausgemacht hat, über das herzufallen gerade als die Gunst der Stunde erscheint.

In Zeiten von Corona ist unsere ganze Gesellschaft so viel stärker der Technologie ausgesetzt, dass wir es verdient hätten, dass deutschsprachige Medien technologisch «aufrüsten» und deutlich qualifizierter und differenzierter berichten, als wir das in den letzten Monaten am Beispiel Zoom leider einmal mehr erlebt haben.

 

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